Uneindeutige Machtverhältnisse und das Spiel mit der Wahrnehmung

Macht und Freiheit

Macht und Wahrnehmung: Überall, wo soziales Leben stattfindet, findet auch Macht statt. Tatsächlich scheint, unabhängig vom Willen zur Macht (Nietzsche), Macht auch notwendig zu sein, um eine soziale Ordnung zu schaffen und mit der sozialen Ordnung Wohlbefinden und psychische Gesundheit.

Bateson u.a. untersuchten die Bedingungen in Familien, in denen ein oder mehrere Kinder an Schizophrenie erkrankten, ein besonderes Merkmal dieser Familien war, dass es keine geregelten Machtverhältnisse gab, kein Familienoberhaupt. Die Rolle des Familienoberhauptes fällt bei günstigsten Bedingungen zur Entwicklung der Kinder beiden Eltern zu, in noch nicht schädigenden Familien einem der beiden Elternteile.

In Familien ohne Hierarchie kämpfen im Grunde alle Familienmitglieder täglich aufs Neue um die Macht, z.B. wird täglich diskutiert, wer das größte Stück Fleisch bekommt oder am Tischende (Platz des Familienoberhauptes) sitzen darf.

In der westlichen Welt begünstigt also die Abwesenheit von Hierarchien in der Familie eine schwere psychische Störung bei einem oder mehreren Kindern, die mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen einhergeht (in anderen Ländern/Kulturen wird der Fokus eher auf die besonderen Fähigkeiten dieser Menschen gelegt).

Kindliche Bedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit und Ordnung können in solchen Familien nicht befriedigt werden, da das Kind mit den Eltern und Geschwistern um die Machtrolle kämpft, so sind permanente Niederlagen vorprogrammiert, da Eltern objektiv betrachtet mächtiger sind als Kinder.

Durch das Negieren der tatsächlichen Machtverhältnisse über die gesamte Entwicklung wird systematisch die Wahrnehmung der Kinder verzerrt, was später zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen führt.

Uneindeutige eindeutige Machtverhältnisse oder das Spiel mit der Wahrnehmung

Macht und Wahrnehmung

Macht und Gewalt sind heute diffuser denn je, Macht wird vermutlich ohne Gewalt nie funktionieren, ob die moderne abstrakte  seelische Gewalt wirklich humaner ist als physische, dieser Frage will ich mich in meinem Essay nach und nach nähern.

Im ersten Essay betrachtete ich im Gegensatz zum Beispiel oben zwar geregelte, aber wahrnehmungsundeutliche Machtverhältnisse. Dort betrachtete ich die Hierarchiemuster von nicht gleichberechtigten Paaren und riss bereits kurz an, warum diese zum Scheitern verurteilt sind. Traditionelle, nicht gleichberechtigte  Beziehungen bauen die Basis ihrer Beziehung in der Regel  auf folgende Rollenmodelle auf:

Herrscherrolle: Dienerrolle
Elternrolle: Kindrolle
oder die Rollen kreuzen sich:
Herrscherrolle: Kindrolle
Elternrolle: Dienerrolle

Zur Vertiefung verweise ich auf mein erstes Essay: Macht dienen glücklich oder mächtig? Langfristig ist so keine Liebesbeziehung aufrecht zu erhalten, denn nimmt einer der Partner die Dienerrolle an, verliert der andere den Respekt, nimmt einer die Kindrolle an, ist durch Entmännlichung/Entweiblichung und Inzesttabu langfristig keine erotische Liebe möglich.

Untersuchen wir weiter, wie Dienende Macht ausüben. Ein Mittel Macht auszuüben sind die sogenannten Dummspiele (Eric Berne: Blöd-Spiel, Schlehil). Da die dienende Rolle früher der Frau zugeschrieben wurde, wies ich bereits darauf hin, wie in sogenannten Eheratgebern der Frau geraten wurde, dem Mann keinesfalls zu zeigen, dass sie intelligenter ist und bestimmte Dinge besser kann als er. So befriedigt sie einerseits seinen Narzissmus, andererseits kann sie so unbemerkt, die Fäden in der Hand halten und die Kontrolle über die Familie sowie über ihn ausüben.

In der Psychopathologie/Transaktionsanalyse werden die heute zum Teil unbewussten Dumm-Spiele vor allem depressiven und hysterischen Menschen zugeordnet, beide Erkrankungen gelten als sogenannte Frauenerkrankungen, wobei sich durch zunehmenden Leistungsdruck und fortgeschrittene Emanzipation, diese immer weniger als klassische Frauenkrankheiten deklarieren lassen: Frauen werden narzisstischer, Männer hysterischer und depressiver.

Während Eric Berne in erster Linie davon ausgeht, Dummspieler wollten nicht dazu lernen, vertrete ich eher die These, Dummspieler wollen Kontrolle und Macht über andere, denn Folgendes ist zu beobachten: Andere übernehmen die Aufgaben des Dummspielers, er hat nicht selten eine „Horde Dienende“ um sich. Um bei den traditionellen Rollen zu bleiben, haben z.B. Männer, die Dummspiele beherrschen häufig Mutter, Schwester und/oder Frau/Freundinnen, die sie bekochen, ihre Wäsche waschen, ihre Kinder hüten etc., während Frauen oft Mann/Freund/ Verehrer haben, die ihnen Glühbirnen oder Abflussrohre austauschen, die Wände streichen usw.. In erster Linie geht es hier häufig um  Arbeiten, die auch unterdurchschnittlich begabte Menschen gut erledigen können, also um Arbeiten, die zwar unangenehm sein mögen, aber nicht schwierig sind. Dummspiele werden also benutzt, um Befehle zu erteilen und den Befehlsempfängern die Möglichkeit „nein“ zu sagen zu nehmen. Macht und Wahrnehmung der Macht unterscheiden sich hier, da der Mächtige der unterlegen scheinende Dummspieler ist.

Des Weiteren geht es hier natürlich auch darum, insbesondere bei den klassischen Dummspielen, die alten Rollenverteilungen und Abhängigkeiten aufrecht zu erhalten, obwohl sie überflüssig geworden sind. Das mag zum Teil traditionelle Hintergründe haben, sichert aber auch eine Position in der heutigen Zeit, die durch die vielen Neuerungen für große Verunsicherung im eigenen Rollenbild sorgt und neue Lebensmodelle fordert: Neues macht immer auch Angst, also wird an den alten, überflüssig gewordenen Rollenbildern festgehalten.

Macht durch Dummspiele

Macht und Wahrnehmung

In einer (scheinbar) unterdrückten Rolle, im Beispiel oben die Dienerrolle oder die Kindrolle, können durch Dummspiele (Eric Berne) Machtverhältnisse verschoben oder sogar umgekehrt werden.

In klassischen Beziehungen sehen Dummspiele häufig folgendermaßen aus: „ich bin zu dumm, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, zu kochen, zu putzen oder waschen, eine Glühbirne einzuschrauben oder eine Bohrmaschine zu benutzen, ein Abflussrohr auszutauschen usw. Tatsächlich gibt es Menschen, die sich auf diese Weise ihre gesamte Macht über andere sichern, sie besitzen häufig einen ganzen Trupp an Dienenden. In den Gegenübern tauchen manipulierte Gefühle wie Verantwortung, Stärke, Hilfsbereitschaft auf, sie implizieren ihnen Macht, die in Wirklichkeit beim Dummspieler liegt, der so das Handeln der anderen bestimmt und niedere Arbeiten verteilt, die er selbst nicht erledigen will.

Das Dummspielen gehört zur Kategorie „Macht durch Täuschung, List und Manipulation“, in vielen Machttheorien wird bei schwer durchschaubarer Gewalt eine Gewaltfreiheit angenommen, die es aber nicht gibt, Menschen, die das Dummspielen gut beherrschen, halten sich häufig eine ganze Gruppe Unterworfener, die alle ungeliebten Arbeiten für sie verrichten, weigert sich jemand die auf diese Weise erhaltenen Arbeitsanweisungen auszuführen, so wird der erpresserische, gewalttätige Hintergrund deutlich durch Machtkämpfe, Druck ausüben auf das Gewissen des anderen usw.

Macht durch Dummspiele gibt es überall, so halten sich auch manche Arbeitnehmer ungeliebte Arbeiten damit vom Hals oder Frau Merkel die Verantwortung für die NSA-Affäre: „Das Internet ist immer noch Neuland“ (inhaltliches Zitat). Hier griff Frau Merkel in die weibliche Trickkiste ich bin zu dumm, um technische Zusammenhänge zu verstehen, denn ich habe das Internet nach Jahrzehnten immer noch nicht begriffen, ist die dahinterliegende Botschaft zur Machtsicherung, die vor allem von einer immer noch patriarchalisch geprägten Arbeitswelt in Deutschland gerne geglaubt (und verziehen) wird, obwohl Frau Merkel Physikerin ist und selbstverständlich wesentlich umfassendere technische Zusammenhänge versteht als der größte Teil der Bevölkerung. Sie implizierte hier, jedem PC-Nutzer scheinbar unterlegen zu sein, das kam der immer narzisstischeren Bevölkerung entgegen, die sich nun in einer überlegenen Rolle glaubte und nicht mehr an Frau Merkels Macht kratzte, obwohl sie sich weiter ihrer Verantwortung im NSA-Konflikt nicht stellte und nicht für die Einhaltung unserer Grundrechte sorgte. Ein weiterer PR-Gag von Frau Merkel war der Skandal, um ihr abgehörtes Handy, denn der Skandal um die Abhöraffäre war nicht, das Abhören von Poltikern und Wirtschaft, dafür sind Geheimdienste ganz offiziell eingesetzt, sondern das Abhören von unbescholtenen Bürgern, hier implizierte sie einerseits, wir sitzen alle in einem Boot, andererseits sicherte sie damit ihre Macht, indem sie die Bedrohung der Affäre von der Bevölkerung auf sich lenkte.

Dummspieler greifen also in die Trickkiste, um wahre Machtverhältnisse zu verschleiern, zu leugnen, verzerren die Wahrnehmung anderer, um Macht zu erhalten oder zu sichern, sie manipulieren und täuschen ihre Umwelt, stellen sich als Opfer dar und beklagen den „Ungläubigen“ als Täter, wenn sie jemand durchschaut und ihre Anweisungen nicht befolgt, um sich weiterhin die Macht des Umfeldes zu sichern. Sie sind herrschsüchtig und dulden keinen Widerspruch, haben also ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft, auch wenn sie in der Regel keine physische Gewalt anwenden.

Die Macht der Gutmenschen und des Helfersyndroms

Macht und Wahrnehmung – das Spiel mit der Macht

Der Begriff Gutmensch hat einen negativen Beigeschmack und das nicht zu Unrecht. Dem Gutmenschen geht es nicht um eine moralisch korrekte Handlungsweise, die anderen objektiv hilft oder sie weiterbringt, auch Gutmenschen geht es um Macht durch Manipulation. Ein Mensch, der tatsächlich Gutes bewirken will, muss sich ständig hinterfragen, sich häufig unbeliebt machen, um ein Problem zu lösen, um Fortschritt in einer Situation, einer Sache oder bei einer anderen Person/Gruppe zu bewirken. Dem Gutmenschen geht es aber nicht um gute Taten, Entwicklungen und Lösungen, sondern um eine große Anhängerschaft, Zugehörigkeitsgefühl und Macht. Er besitzt eine hohe soziale Intelligenz, nutzt gesellschaftliche Vorurteile, was gut sei, aber in ihrer Konsequenz häufig Schlechtes bewirken kann.

Gutmenschen neigen z.B. zu einem Zuviel an Fürsorge, nutzen ein Helfersyndrom oder Geld, um andere in Abhängigkeit zu halten, in Unterdrückung, sie sichern sich ihre Macht über andere nicht nur durch die Unterdrückung, das Kleinhalten des anderen, sondern zusätzlich durch die Anerkennung der Gesellschaft, die sie durch ihre scheinbar „guten Taten“ erhalten.  Nach außen spielen sie häufig eine Märtyrerrolle, was ihnen zusätzliche Macht sichert. Sie verzerren die Wahrnehmung des Abhängigen und die der Umgebung, um Macht zu erzielen und zu sichern, dabei bedienen sie sich gesellschaftlicher Vorurteile oder Moden. Auch hier steht massive psychische Gewalt im Hintergrund, man stelle sich vor, der Unterdrückte würde ausbrechen wollen, er hätte nicht nur den Gutmenschen gegen sich, sondern auch das gesamte manipulierte Umfeld. Gutmenschen greifen hier zu kulturell oder politisch anerkannten Handlungsweisen, die in ihrer Konsequenz aber negative Auswirkungen haben können. Der Gutmensch und sein Umfeld hinterfragen seine Taten nicht, so lässt es sich auch erklären, wieso aus Demokratien immer wieder Diktaturen oder totalitäre Staaten wurden. In diesem Fall bestimmen die Regierenden was gut sei und ignorieren die fatalen Folgen für die Bevölkerung und ihre Opfer. Das den Menschen innewohnende Bedürfnis gut sein zu wollen, führt sie dann durch Manipulation leicht zum Gutmenschentum und lässt sie im Sinne des scheinbar Guten auch Grausames tun.

An den Beispielen der Dummspieler und Gutmenschen wird deutlich, dass wahre Machtverhältnisse verschleiert und vertuscht werden können, Macht durch Täuschung, Verdeckung und List ausgeübt werden kann, die dahintersteckende Gewalt ist aber nicht nicht vorhanden, sondern so massiv, dass der Unterdrückte sich durch die Wahrnehmungsverschiebung nicht oder nur sehr schwer aus der Unterdrückung lösen kann. Ein physisch Misshandelter merkt die Misshandlung durch die direkte Gewaltanwendung, den hervorgerufenen Schmerz, der Manipulierte aber ist so diffuser Gewalt ausgesetzt, dass er diese kaum benennen und sich in Folge auch nur sehr schwer daraus befreien kann und häufig den Eindruck gewinnt, sein Schmerz sei verkehrt, was ihn in eine noch abhängigere, unterdrücktere Position bringt. Hier sind die Machtverhältnisse zwar analytisch eindeutig, jedoch für Betroffene und Umfeld schwer zu erkennen. Es handelt sich hierbei um Macht durch List Täuschung, Manipulation, bzw. um Macht durch Wahrnehmungsverzerrung, (übertragen ins Politische z.B. durch einseitige Berichterstattung erhaltene/gesicherte Macht, Verkehrung von Werten in ihr Gegenteil pp.). Anhaltende Wahrnehmungsverzerrungen können zu psychischen Erkrankungen beim anderen führen, die Folgen müssen die Betroffenen häufig  jahre- bis lebenslang ausbaden.

Es gibt aber auch tatsächlich Begegnungen mit unklaren Machtverhältnissen, objektiv betrachtet ist die Macht hier nicht vorhanden, die Partner sind gleichberechtigt oder die Machtverhältnisse (noch) unklar, bzw. noch nicht austariert.

Erst das Wissen um die Wahrnehmung des anderen kann die Machtverhältnisse ändern.

Macht durch Ausbeutung

Denkbar ist ebenfalls, dass sich in Begegnungen der Macht, beide als mächtig erleben und überlegen fühlen, obwohl es sich um die gleiche objektive, objektiv im Sinne von sinnlich wahrnehmbar, Situation handelt.

Freier             Ausbeutung                  Prostituierte

Durch das Thema Ausbeutung, das Freier und Prostituierte vereint, kommt es in Folge zur Machtfrage, zur Frage, wer beutet wen aus. Objektiv betrachtet, dürfte es sich um eine gegenseitige Ausbeutung handeln. In der Wahrnehmung beider sieht das aber häufig anders aus, wobei beide die gleiche oder eine unterschiedliche Wahrnehmung haben können:

Der Freier gibt (Geld, Geschenke)  Ô Prostituierte beutet aus

Der Freier kauft (die Frau)  Ô Prostituierte lässt sich ausbeuten

Im ersten Beispiel ist die Prostituierte die Mächtige, sie nimmt Geld oder Geschenke für »Leistungen«, die normalerweise aus Zuneigung, Sympathie und Gefallen gegeben werden, im zweiten Beispiel ist der Freier der Mächtige, der mit Geld die Prostituierte kauft (ausbeutet).

Durch das Thema der Ausbeutung kommt also in das zunächst objektiv gleichberechtigte Geschäft, die Machtfrage, die Frage der Unterwerfung mit ins Spiel. Auch hier sind wieder verschiedene Kommunikations-/Wahrnehmungsmuster denkbar:

F: Ich bin der Mächtige, weil ich dich kaufen kann

F: Frauen beuten mich nur aus, ich muss immer bezahlen

F: Frauen beuten mich nur aus, ich muss immer bezahlen

P: Ich bin die Mächtige, weil du ohne Gegenleistung nichts von mir erhältst und ich bestimme

P: Männer sehen nur ein Objekt in mir

P: Ich bin die Mächtige, weil du ohne Gegenleistung nichts von mir erhältst

Wenn beide Parteien ihre Position nicht kommunizieren, so kann das Geschäft äußerlich gleichberechtigt bleiben, sofern es sich um ein kurzes Geschäft handelt, in einer Prostitutionsehe/-beziehung werden die Machtverhältnisse irgendwann deutlich und können wie bei einem gewöhnlichen Paar auf beiden Seiten liegen. Befinden sich beide in ihrer Wahrnehmung in der überlegenen Position, so kommt es zu Machtkämpfen, die wieder eine Hierarchie entstehen lassen in der einer ausbeutet und der andere ausgebeutet wird. Wie diese Hierarchie aussieht, bestimmt vor allem die innerpsychische persönliche Stärke der Mitstreitenden.

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